Dies Academicus

Die Idee

Jedes Jahr wird im Dezember an der PTH der Dies Academicus begannen. Einen ganzen Tag widmen sich verschiedene Wissenschaftler der PTH, aber auch eingeladene Experten von außerhalb, der Theologie der Spiritualität unter verschiedenen Vorzeichen. Seit 2015 findet im Anschluss an den Dies Academicus auch der Actus Academicus statt, bei dem die PTH im formellem Rahmen ihre Absolventen ehrt, neue Professoren einführt und Ehrungen vornimmt.

Dies academicus 2019

Der diesjährige Dies academicus der PTH findet am 9. Dezember im Kapuzinerkloster Münster statt. Sein Thema lautet:

Weisheit
Spiritualität des Menschen

Tagungsprogramm:

8:00h
Heilige Messe im Kapuzinerkloster

9:00h
“Sapientis est ordinare”
Die ordnungsstiftende Kompetenz des Weisen – ein Gang durch die Philosophiegeschichte in systematischer Absicht

Weisheit wird in der Geschichte der Philosophie von drei Instanzen ausgesagt: von Gott (als absoluter Weisheit), von der Welt (als objektiv gewordener Weisheit) und vom Menschen ( als subjektiv-endlicher Weisheit). Weisheit manifestiert sich im Mittelalter in der aus der Beziehung dieser drei Instanzen sich ergebenden Vernunftordnung (ordo). Ausgelöst durch den Gedanken der Allmacht Gottes, der zur Grundlage des spätmittelalterlichen Nominalismus und seines Voluntarismus wird, geht die Autorenschaft für jede Vernunftordnung in der Neuzeit auf den Menschen als dem „secundus deus“ über. Dessen Weisheit manifestiert sich jetzt in der willentlichen Setzung vernünftiger, wenngleich endlicher und damit immer fragiler Ordnungen der Lebenswelt, der Wissenschaft, der Moral und des Staates. Denn unter den Bedingungen des neuzeitlichen Freiheitsverständnisses, das den Primat der praktischen Vernunft zur Voraussetzung hat, kann sich Weisheit nur mehr in der synthetisierenden Kompetenz des freien, wenngleich endlichen Vernunftsubjekts als prinzipiell unabschließbare Vermittlung von Einheit und Differenz zeigen. Was aber, wenn – wie in der Moderne – das Instrument der Vermittlung, die Vernunft, selbst zugunsten des „Anderen der Vernunft“ depotenziert wird? Es verschwindet, wie in der Philosophie der Postmoderne, nicht nur das Vernunftsubjekt, sondern auch dessen Möglichkeit, aus Weisheit seine Angelegenheiten zu ordnen. Orientierung sollen nun vermeintlich objektiv gegebene Orientierungsinstanzen geben, auf deren Weisheit Verlass ist, was sich freilich leicht als Trugschluss der endlichen Vernunft erweisen lässt.


Prof. Dr. Armin G. Wildfeuer (Jg. 1960) hat Philosophie, Musikwissenschaft, Christliche Gesellschaftslehre und Katholische Theologie an der Pontificia Universitá Gregoriana/Rom und der Universität Bonn studiert und ist nach seiner Zeit als Assistent an der Universität Bonn seit 1997 Professor für Philosophie an der Katholischen Hochschule NRW (zuerst in Paderborn, ab 2004 in Köln) mit den Schwerpunkten Philosophische Ethik, Philosophische Anthropologie, Sozialphilosophie und Politische Philosophie. Sein Forschungsinteresse gilt der Ideen- und Begriffsgeschichte.

anschl. Kaffeepause

11:00h
“Die Weisheit hat ihr Haus gebaut” (Spr 9,7)
Biblische Weisheit als Lebensform

Gott hat die Welt in Weisheit erschaffen. Der Mensch ist eingeladen, die der Schöpfung innewohnende göttliche Weisheit zu erkennen und ihr in seinem Leben zu entsprechen. Weisheit wird zu einer Lebensform im Schnittpunkt von Ewigkeit und Zeit. Weise ist der Mensch, der gelernt hat, auf den Ruf der Weisheit zu hören. Ihm wird ein rettendes Wissen zuteil. Wie muss die Übung beschaffen sein, durch die der Mensch zu einem Schüler der Weisheit wird?

Prof. Dr. Ludger Schwienhost-Schönberger, Studium der Theologie und Philosophie in München, Münster und Jerusalem, Professor für Alttestamentliche Bibelwissenschaften der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

12:30h
Mittagessen

14:30h
Kaffeepause

15:00h
Der Anfang der Weisheit: Gottesfurcht
Konkrete Weisungen der Wüstenmütter und Wüstenvater

Ausgehend von Spr 1,7 nach der Septuaginta kommt die Apophthegmen-Tradition der ägyptischen Wüste zu Wort. Sie versteht Gottesfurcht als Antwort auf die Stimme Gottes, als inneres Licht und Weisheit in der Praxis geistlichen Lebens. Von Antonius, der zwischen Bildung und Weisheit unterscheidet, wird überliefert: „Ich fürchte Gott nicht mehr, ich liebe ihn.“

Dr. Gabriele Ziegler, Patrologin, Übersetzerin der Werke des Johannes Cassian, im Vorstand der Johannes-Cassian-Stiftung Münsterschwarzach, Dozentin und Exerzitienleiterin.

17:00h
“Zweite Naivität – Weisheit als Denkform des Glaubens”

Im 19. Jahrhundert verengte sich mit der historisch-kritischen Exegese die Frage nach der Wahrheit der biblischen Botschaft nolens volens auf die Frage nach der Historitität des von den biblischen Texten Berichteten: “Gab es die Heiligen Drei Könige wirklich?” “Wie hat man es sich vorzustellen, dass Jesus auf dem Wasser ging?” – Zwar riskieren solche Fragen, das theologische Zentrum der biblischen Heilsbotschaft aus dem Auge zu verlieren. Trotzdem bleibt die Frage nach der “historischen Wahrheit” virulent; man kann und darf sie nicht stillstellen, denn das Spezifische der biblischen Botschaft besteht darin, dass Gottes Heil uns geschichtlich gegeben ist. – In diesem Zusammenhang taucht nun immer wieder einmal der Begriff “Zweite Naivität” auf. Der Begriff ist hoch suggestiv, denn er scheint uns eine schöne Lösung zu verheißen, wie aus den genannten Dilemmata herauszukommen sei. Indem der Vortrag den geistesgeschichtlichen und religionsphilsophischen Hintergründen dieses Begriffs nachgeht, kristallisiert sich mehr und mehr die Frage heraus, ob ein frommer Mensch zu sein nicht grundsätzlich bedeutet, etwas “Naives” an sich zu haben, und eine erwachsene, reife Religiosität nicht zuletzt deshalb einer weisheitlichen Lebenshaltung korrepondiere.

Prof. Dr. Joachim Negel, Studium der Philosophie, kath. und ev. Theologie und Romanistik in Würzburg, Paderborn, Paris, Bonn und Münster. Lange Jahre in der Studierendenseelsorge tätig; dann Dekan des Theologischen Studienjahres Jerusalem. Seit 2015 Inhaber des zweisprachigen Lehrstuhls für Fundamentaltheologie / Théologie fondamentale an der Westschweizer Universität Freiburg/Fribourg. Burgpfarrer auf Burg Rothenfels.

18:00h
Abendessen

19:30h
Actus academicus mit öffentlichem Abendvortrag:

“Gib Raum den Dingen.”
Romano Guardini als Lehrer der Weisheit

Zur Weisheit im Sinn Guardinis gehört “Sehen, was ist”. Das bedeutet, mit einem Blick auf die Dinge zuzugehen, der nicht von vornherein auswählt, unterstreicht, wegläßt, sondern sie in ihrem Eigenwert achtet, ihre Selbstaussage zu hören sucht. Absichtslosigkeit ist ein Schlüssel zur Welt – anstelle eines herrischen Wollens. Dieses “Auftun” der Sinne erfährt zugleich den Sinn der Welt. Es führt nicht zu einem bloß sachlich-neutralen Feststellen, sondern kann den Charakter einer tiefen Begegnung annehmen: Welt und Mensch werden resonant. In solcher Begegnung öffnet sich bezwingend auch ein Resonanzraum für den Schöpfer.

em. Uni.-Prof. DDr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Promotion 1971 / Habilitation in Philosophie 1979 (Universität München), 1989-1992 Professur für Philosophie an der Pädagogischen Hochschule Weingarten/Württemberg,
1993-2011 Lehrstuhl für Religionsphilosophie u. vergleichende Religionswissenschaft an der Technischen Universität Dresden, seit 2011 Vorstand des Europäischen Instituts für Philosophie und Religion (EUPHRat), Phil-Theol. Hochschule Benedikt XVI., Heiligenkreuz, Österreich

Musikalische Gestaltung:
Uran Osmani, Cello
Fidan Osmani, Klarinette

 


Publikationen

Zu jedem Dies Academicus erscheint im jährlichen Turnus ein Sammelband, in dem die Referenten ihre Vorträge zum Thema veröffentlichen. Der Band wird ergänzt durch Beiträge der Lehrenden der PTH, die sich aus ihrer jeweiligen Fachperspektive mit der Thematik beschäftigen. Somit schärft die Publikation auch das Profil der PTH mit ihrem Schwerpunkt der Theologie der Spiritualität

Kunst und Spiritualität

Thomas Möllenbeck / Ludger Schulte (Hg.)
Präsenz.
Zum Verhältnis von Kunst und Spiritualität
Aschendorff-Verlag, Münster 2019

Geht es der Spiritualität am Ende um Ähnliches wie der Kunst: nicht um Kunst-Stücke, sondern um Präsent-Werden werden von Raumen, Gegenständen und Lebenserfahrungen? Die Wirkung ist nicht statisch, sondern ein Gegenwärtig-Werden von Fragen, Ahnungen, Zusagen, Brüchen und Irritationen, ein neues Verständnis der Gegebenheiten, der einen „anderen Zustand“ mit sich bringt. An diesem Punkt der Transformation gibt es eine tiefe Verwandtschaft zwischen geschenkt-gelungenem, spirituellem Vollzug und der geschenkt-gelungenen Begegnung mit einem Kunstwerk. Wozu hin?
Zur Berührung – durch die äußeren und inneren Sinne?
Zur Öffnung – für die existentielle Wahrheit?
Zum Überschritt – aus der Funktion?
DA-hin. Spiritualität und Kunst, zwei Schulen der Präsenz.
Welche Kunst und welche geistliche Lebenskunst führt in das Wunder der Wahrnehmung, oder anders formuliert, was führt in die Tatsache der Gegenwart, der Präsenz der Dinge, die uns aus- und leer räumt, wie einen Trinkbecher, den man in einen Wasserfall hält, und doch ganz erfüllt? DA.
Die Beiträge dieses Bandes verfolgen Spuren von der Kunst zur Spiritualität und von der Spiritualität zur Kunst.

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Zeugnis

Thomas Möllenbeck / Ludger Schulte (Hg.)
Zeugnis.
Zum spirituellen Ursprung und zur Präsenz des Christlichen
Aschendorff-Verlag, Münster 2018

Was und woraufhin glauben wir? Gott erscheint mir zuerst als ein Wesen, an das andere Menschen mehr oder weniger glauben. Gott ist gegeben im Zeugnis der anderen, gewissermaßen innerhalb der Anführungszeichen ihrer Rede von Gott und ihres Verhaltens zu Gott. Die Gestalt ihres Glaubens ist mitentscheidend dafür, wie mir „Gott“ begegnet. Fällt das Zeugnis gänzlich aus, wird es schwierig. „Zeugen“ können mir Gott aber auch verstellen. Das Zeugnis bedarf der Deutung und des klärenden Begriffs, auch des Glaubwürdigkeitsnachweises, sonst verliert es sich in Beliebigkeit, Fanatismus oder Tyrannei. Wie weit muss, wie weit kann die (theologische) „Aufklärung“ des Zeugnisses und der Verkündigung gehen? Wo muss das verkündete Zeugnis stören und verstören in den Geläufigkeiten des Denkens? Wann ist es nicht nur Gegenstand, sondern Widerstand, der zu einem neuen Denken anregt? Wie heute Gott und den Glauben an das Evangelium glaubwürdig bezeugen? Noch weitgehender gefragt: Wie bezeugt sich der Herr „Heute“ selbst? Ist seine Gegenwart spiritueller Ursprung des Christlichen?


 

Spiritualität und Evangelisation

Thomas Möllenbeck / Ludger Schulte (Hg.)
Spiritualität.
Auf der Suche nach ihrem Ort in der Theologie
Aschendorff-Verlag, Münster 2017

Ein Zauberwort besonderer Art ist das Wort „Spiritualität“. Damit ist mehr als nur ein Randphänomen berührt. Das Heute könnte möglicherweise als „spirituelles Zeitalter“ in die Geschichte eingehen. Ende der 1970er Jahre noch ein avantgardistischer Szenebegriff alternativer Kreise, ist „Spiritualität“ heute ein soziokultureller Leitbegriff. In ihm bündeln sich Prozesse des gesellschaftlichen Wandels in Bezug auf das Verständnis von Sinn, Werten und Religion. Traditionsgebundene Gotteserfahrungen können mit diesem Wort benannt werden und weniger traditionelle Erfahrungsweisen Gottes bis zu rein säkularen Praxisformen im Raum zeitgenössischer Experimentier- und Suchbewegungen, die „Sinn“ authentisch erfahrbar machen wollen. Spirituelle Sehnsucht kann, muss heute aber nicht heißen: religiöse Sehnsucht. Bei aller Ambivalenz der Phänomene: „Spiritualität“ ist eine Schlüsselkategorie für die Bedeutung von Religion und Sinn in der Spätmoderne.
In diesem Zusammenhang tauchen häufig andere Signalwörter auf: „Glück“, „Weisheit“, „authentisches Leben“ und „Ganzheitlichkeit“. Menschen sind auf der „Reise nach sich selbst“, suchen in einer mobilen, flexiblen, auf Effizienz getrimmten Gesellschaft nach „Verzauberung“ in Abenteuer und Erlebnis, sie verlangen nach „Heilung“, „Festigkeit“ und „Orientierungswissen“, nach „wirklicher Gemeinschaft“ und „Verbundenheit“. Ist das als „esoterisch“ zu belächeln? Ist es nur religionssoziologisch zu vermessen, zu analysieren und zu etikettieren? Verweigert die Theologie den substantiellen Dialog? Kennt sie den Reichtum der christlichen spirituellen Tradition, um ihn ins Spiel zu bringen? Hilft sie unterscheiden und stärken? Ist sie von ihrem ganzen Denkgestus noch genügend „spiritualitätssensibel“ bei ihrer Sache? Ein nicht geringer Grund für den oft beklagten Relevanzverlust der Theo-logie liegt hier.
Die PTH Münster in Trägerschaft der Deutschen Kapuzinerprovinz hat die „Theologie der Spiritualität“ zum theologischen Arbeitsschwerpunkt gemacht. Das ist nicht nur eine Fachbereichsbezeichnung, sondern die Herausforderung an alle Dozierenden, sich aus der Perspektive ihrer Disziplin dem Thema „Spiritualität“ zu stellen und grundsätzlich nach ihrem Ort in der Theologie zu suchen.
Das Ergebnis liegt nun in Buchform vor, bereichert durch Beiträge, mit denen inspirierende Gäste beim Dies academicus der PTH am 8. Dezember 2015 die theologische Auseinandersetzung mit Spiritualität beflügelt haben.


 

Armut

Thomas Möllenbeck / Ludger Schulte (Hgg.)
Armut
Zur Geschichte und Aktualität eines christlichen Ideals
Aschendorff Verlag Münster 2015, kartoniert., € 24,80, ISBN 978-3-402-13137-4

Im Jahr 2015 feierten die Kapuziner das Privileg, das ihnen vor 400 Jahren in Münster gewährt wurde:
Es wurde ihnen erlaubt, in der Stadt zu ‚betteln und zu predigen‘. Dies überhaupt zu wollen und die
Erlaubnis dazu ein ‚Privileg‘ zu nennen, erscheint auch heute nicht selbstverständlich. Daher wurde am 8. Dezember 2014 ein Symposium der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Münster im Vorlauf zum traditionellen Actus Academicus abgehalten, mit dem Titel „Betteln und Predigen. Wie arm soll die Kirche sein?“ Der Band dokumentiert die Vorträge des Symposiums sowie weitere Beiträge von Lehrenden der PTH.


Ansprechpartner

PD Dr. Thomas Möllenbeck

PD Dr. Thomas Möllenbeck

t.moellenbeck@gmx.de