Gesellschaftslehre und Christliche Sozialethik

Gesellschaftslehre und Sozialethik

Eine von Schöpfung und Inkarnation ausgehende Theologie inkludiert politik- und sozialwissenschaftliche Fragestellungen in ihren Diskurs, da sie wesentlich vom Menschen und seinen gesellschaftlichen Bezügen ausgeht. Dabei ist es Aufgabe der theologischen Gesellschaftslehre, die Moderne in ihrem Rationalisierungsprozess technischer, kognitiver und normativer Art in den Blick zu nehmen. Die Verallgemeinerung (doing generality) geschieht durch den Zusammenschluss von miteinander verbundenen Komplexen sozialer Praktiken wie Beobachtung, Bewertung, Hervorbringung (Herstellung) und Aneignung (Umgang mit Subjekt und Sache der Welt). Die soziale Welt besteht aus Praktiken, an denen Subjekte und Objekte partizipieren, aus denen sich Kollektive bilden, die Zeit und Raum auf eine bestimmte Weise strukturieren.

Christliche Gesellschaftslehre als Disziplin nahm ihren Ursprung in der Herausforderung der Industrialisierung, die zur „Katholischen Soziallehre“ und deren Grundprinzipien führte. Darauf basierend entfaltete sich seitdem der Diskurs mittels sozialwissenschaftlich-empirischer Hermeneutik. Die Christliche Sozialethik als theologische Disziplin (der eine spirituelle Dimension eignet) untersucht und bewertet Beziehungen zwischen Menschen in der Gesellschaft, den entsprechenden politischen Ordnungen und sozialen Gebilden sowie die Zusammenhänge zwischen Institutionen, Haltungen und Ideologien. Dazu rekurriert sie auf (Religions)Soziologie und philosophisch-theologisch inspirierte Handlungstheorien. Im Focus der Debatte stehen gesellschaftliche Transformationsprozesse wie Säkularisierung, Individualisierung (Singularisierung) und Privatisierung. In der Sozialethik werden im Kanon der Bereichsethik (z.B. Wirtschafts- und Politikethik) spezielle Aspekte sozialer und theologischer Fragen erörtert.

Mir persönlich ist es ein besonderes Anliegen, Gesellschaftslehre und Sozialethik – an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Münster bereits seit langem in besonderer Weise gepflegt – zeitdiagnostisch und zukunftsprognostisch zu qualifizieren. Dazu wurden und werden immer wieder entsprechende Forschungsprojekte (u.a. in Zusammenarbeit mit dem Berliner Institut M.-Dominique Chenu) initiiert. Mein akademisches Interesse an der spanischen Kolonialethik, meine Erfahrung als Direktor eines Europa-Instituts in Brüssel sowie meine aktuelle Beratertätigkeit bei der Katholischen Arbeitsgemeinschaft für Freizeit und Tourismus der Deutschen Bischofskonferenz (mit Schwerpunkt Zukunft der Arbeit) prägen meinen Angang an Gesellschaftslehre und Sozialethik.

Thomas Eggensperger OP