Liturgie

Die Fächer der Praktischen Theologie konzentrieren sich auf unterschiedliche menschliche Handlungsfelder, die sie mit der Frohen Botschaft, wie sie in den biblischen Schriften und ihren verschiedenen Auslegungstraditionen bezeugt ist, in Dialog bringen. Speziell die Liturgiewissenschaft versteht sich in diesem Spektrum als „kritische Theorie der rituellen Inszenierung christlicher Identität“ (Jürgen Werbick). Sie rekonstruiert dabei, insofern sie sich im Rahmen einer Theologie der Spiritualität bewegt, wie genau rituell-gottesdienstliche Vollzüge

– erstens in Geschichte und Gegenwart innerhalb von Konstellationen unterschiedlicher Faktoren spirituelle Formierungsprozesse (mit)ausbilden; diese Konstellationen hat Liturgiewissenschaft übersichtlich und vergleichend darzustellen, was ihrer so genannten historischen Dimension entspricht.

– Zweitens arbeitet Liturgiewissenschaft heraus, welche Aspekte des Bezeugten bzw. zu Bezeugenden jeweils rituell-gottesdienstlich gefeiert werden. Sie bringt die entsprechenden Gehalte, die meist erst aus in sich komplexen verbalen und non-verbalen Handlungen freigelegt werden müssen, mit solchen aus anderen Bereichen der Glaubenspraxis in Beziehung. Darin besteht die systematische Dimension liturgiewissenschaftlicher Reflexion.

– Und drittens begleitet Liturgiewissenschaft (gemäß ihrer so genannten kritischen oder praktischen Dimension) die Praxis des rituellen Gottesdienstes der Gegenwart: indem sie aus der Arbeit innerhalb der ersten beiden Dimensionen Kriterien für angemessene Feiergestalten generiert und in verschiedenen Kontexten ins Gespräch bringt, um so die gottesdienstliche Feier des Glaubens immer wieder neu als eine der zentralen Quellen Christlicher Spiritualität zu erschließen.

Von drei Dimensionen des einen Faches ist deshalb zu reden, weil es sich – unbeschadet der Schwerpunktsetzungen einzelner Wissenschaftler/-innen bzw. konkreter Forschungsprojekte und Studien – auf das Gesamt der Liturgiewissenschaft hin gesehen nicht um völlig zu trennende Arbeitsbereiche handelt bzw. handeln sollte, sondern eher um vielfältig ineinander verwobene Zugänge zum einen Materialobjekt der rituell-gottesdienstlichen Praxis christlicher Provenienz.

Abschließend sei noch ausdrücklich hervorgehoben: Die Liturgiewissenschaft vollzieht aktuell bei der konkreten Ausgestaltung ihres Profils mittlerweile auch im deutschen Sprachraum zunehmend nach, dass zu ihrem Materialobjekt im skizzierten Sinne keineswegs nur schriftlich fixierte Quellen/verbale Vollzüge und solche womöglich nur aus dem Bereich der kirchlich approbierten (Hoch)Liturgien gehören. Außerdem zeigt sich in diesem Zusammenhang immer deutlicher, dass auch die Zugänge zu den Quellen pluraler werden müssen, wenn Liturgiewissenschaft der Komplexität des zu untersuchenden Geschehens gerecht werden will (dazu nach wie vor wichtig: die schon ältere Standortbestimmung der deutschsprachigen Liturgiewissenschaft, im Internet mit einem wertvollen Kommentar zugänglich unter: https://www.liturgie.uni-bonn.de/lehrstuhl/copy_of_Kommentar_Standortbestimmung.pdf). Diesbezüglich sind die Klärungsprozesse etwa hinsichtlich einer Weiterentwicklung des methodischen Instrumentariums unbedingt in Gang zu halten – nicht zuletzt auch dadurch, dass interdisziplinäre und internationale Vernetzung optimiert wird. Spiritualitätstheologisch dürfte besonders interessant sein zu beobachten, wie Liturgiewissenschaft innerhalb dieser Dynamik „Liturgien als Teil der Geschichte religiöser Praxis“ (Benedikt Kranemann) und deren Theologie(n) in den Blick nimmt, wodurch sie letztlich auch ihren unverzichtbaren Beitrag zu einer umfassenden Hermeneutik der jeweiligen Kultur leistet.